Die Gewichtung ist ein Aufwandsplan
Wenn ein Kriterium 40 Prozent trägt und ein anderes 5, dann ist damit gesagt, wo im Angebot die Zeit hingehört. Das klingt selbstverständlich und wird trotzdem regelmässig ignoriert: Geschrieben wird oft dort am ausführlichsten, wo man sich am wohlsten fühlt — nicht dort, wo die Punkte liegen.
Faustregel: Der Anteil, den ein Kriterium an der Gesamtwertung hat, sollte ungefähr dem Anteil entsprechen, den es in Ihrer Bearbeitungszeit bekommt.
Unterkriterien sind das eigentliche Raster
Ein Zuschlagskriterium „Qualität, 50 %" sagt wenig. Interessant wird es eine Ebene tiefer: Qualifikation der Schlüsselpersonen, Projektanalyse, Vorgehen, Termin- und Kostensicherheit — jedes mit eigener Gewichtung. Diese Unterkriterien sind gleichzeitig die Gliederung, nach der Ihr Angebot gelesen wird.
Wer sein Angebot entlang der Unterkriterien gliedert, macht der bewertenden Person die Arbeit leicht. Das ist kein Kniff, sondern schlicht das, was ein Bewertungsraster bezweckt.
Wo die Zahlen stehen — und warum sie sich widersprechen können
Bei Schweizer Verfahren stehen die Zuschlagskriterien häufig in der Publikation als strukturierte Angabe: Bezeichnung und Gewichtung. Dieselben Kriterien finden sich noch einmal im Pflichtenheft, oft ausführlicher beschrieben — und gelegentlich mit abweichenden Prozentwerten, weil eine der beiden Fassungen später geändert wurde.
Das ist kein Randfall. Wir bauen die Kriterienliste in Tenderis deshalb aus beiden Quellen und melden Abweichungen, statt still eine davon zu übernehmen. Für Ihre eigene Bearbeitung gilt dasselbe: Beide Fassungen ansehen, und bei einem Widerspruch innerhalb der Fragefrist nachfragen.
Was eine Gewichtung nicht verrät
Die Bewertungsformel. Ob der Preis linear, über eine Kurve oder relativ zum günstigsten Angebot bepunktet wird, ändert die tatsächliche Wirkung des Preiskriteriums erheblich — ein Preisgewicht von 30 Prozent kann je nach Formel mehr oder weniger durchschlagen als eines von 40. Steht die Formel nicht in den Unterlagen, ist auch das eine gute Frage für die Fragerunde.
Worüber der Preis tatsächlich entscheidet
Beim Preiskriterium lohnt sich ein Blick auf die Grössenordnung der Aufträge, um die es geht. Wir haben 21'823 Zuschläge mit publizierter Auftragssumme ausgezählt:
| Auftragssumme | Zuschläge | Anteil |
|---|---|---|
| unter 100'000 CHF | 1'658 | 7,6 % |
| 100'000 – 500'000 CHF | 7'713 | 35,6 % |
| 500'000 – 1 Mio. CHF | 4'747 | 21,9 % |
| 1 – 5 Mio. CHF | 5'756 | 26,5 % |
| über 5 Mio. CHF | 1'822 | 8,4 % |
Fast zwei Drittel der Aufträge liegen unter einer Million. In dieser Grössenordnung entscheidet ein Preisunterschied von fünf Prozent über wenige zehntausend Franken — und ein Zuschlagskriterium mit 20 Prozent Gewicht, zu dem Sie nichts Belastbares haben, kostet Sie mehr Punkte, als Sie über den Preis zurückholen können. Die Versuchung, über den Preis zu kompensieren, ist genau dort am grössten, wo sie am wenigsten trägt.
Die Kriterien, die man gar nicht vorhersagen kann
Eine Gewichtung lässt sich lesen, eine Punktzahl nicht vorhersagen — und die Unterscheidung verläuft mitten durch die Zuschlagskriterien:
- Prüfbar sind Kriterien, die an Ihrem Betrieb hängen: Referenzen, Schlüsselpersonen, Qualität des Anbieters. Dazu wissen Sie heute, ob Sie liefern können.
- Nicht vorhersagbar sind Preis, Konzept, Präsentation und Auftragsanalyse. Sie entstehen erst mit Ihrem Angebot, und bewertet werden sie im Vergleich zur Konkurrenz — die Sie nicht kennen.
Das ist mehr als eine Begriffsklärung: Bei den von uns analysierten Ausschreibungen entfällt regelmässig ein erheblicher Teil der Zuschlagspunkte auf die zweite Gruppe. Wer seine Chancen einschätzt, sollte diesen Anteil ausrechnen statt ihn zu schätzen — die verbleibende Zahl sagt, wie viel überhaupt vorab beurteilbar ist. Aus demselben Grund bewertet Tenderis diese Kriterien nicht, sondern weist ihren Gewichtsanteil aus: Lieber der ehrliche Satz „48 % der Zuschlagspunkte entscheiden sich mit Ihrem Angebot" als eine Zahl, die eine Sicherheit vortäuscht.
Und die Verfahren, in denen es gar keine Zuschlagskriterien gibt
1'804 Schweizer Aufträge wurden 2026 freihändig vergeben — gegenüber 5'235 ausgeschriebenen Verfahren. Dort gibt es keine Gewichtung, keine Punkte und keinen Wettbewerb. Für ein Angebot ist das zu spät; als Marktbeobachtung ist es die nützlichste Meldungsart überhaupt, weil sie zeigt, welche Vergabestelle mit wem arbeitet.
Zuschlagssummen aus dem Bestand, den Tenderis seit dem 1. Juli 2024 von simap.ch erfasst; Stand 21. September 2026. Enthalten sind die 21'823 Zuschlagszeilen mit publizierter Summe grösser null. Publiziert wird die Summe nicht in allen Verfahren — die Verteilung beschreibt die publizierten Aufträge, nicht den gesamten Beschaffungsmarkt.
Drei Fragen, die man sich vor dem Schreiben stellt
- Welche zwei Unterkriterien tragen zusammen am meisten Gewicht — und steht dazu in meinem Entwurf das Meiste?
- Gibt es ein Kriterium mit hohem Gewicht, zu dem ich nichts Belastbares habe? Das ist ein Grund, nicht anzubieten, kein Grund für Textarbeit.
- Ist die Gewichtung an allen Fundstellen dieselbe?