Auswertung · 21. September 2026

Freihändige Vergaben in der Schweiz: 1'804 Aufträge ohne Wettbewerb

Ein Fünftel des Schweizer Beschaffungsmarkts wird ohne Wettbewerb vergeben. Bewerben kann man sich darauf nicht — sehen sollte man es trotzdem.

Jeder fünfte Auftrag geht ohne Wettbewerb weg

2026 sind auf simap.ch 1'804 freihändige Vergaben erschienen, gegenüber 6'905 publizierten Zuschlägen aus Verfahren. Von allen 8'709 vergebenen Aufträgen wurden damit 20,7 % ohne Wettbewerb vergeben.

Für einen Anbieter ist das die unangenehmste Zahl des Schweizer Beschaffungswesens: Ein Fünftel des Marktes ist über die Ausschreibungsliste nicht erreichbar. Man kann sich auf diese Aufträge nicht bewerben — man kann nur dafür sorgen, vorher bekannt zu sein.

Der Anteil ist je Kanton völlig verschieden

Der Schweizer Durchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede. Gemessen an allen vergebenen Aufträgen des Jahres 2026:

Anteil freihändiger Vergaben an allen 2026 publizierten Vergaben, nach Adresse der ausschreibenden Stelle.
Kantonfreihändigaus VerfahrenAnteil freihändig
Bern35687329,0 %
Aargau10041419,5 %
St. Gallen6429517,8 %
Zürich2841'57215,3 %
Graubünden4735311,8 %
Luzern202567,2 %

Zwischen Bern und Luzern liegt der Faktor vier. Ein Teil davon ist Struktur — in Bern sitzt die Bundesverwaltung, und deren Beschaffung folgt eigenen Regeln und eigenen Rahmenverträgen. Ein Teil ist Praxis.

Freihändig heisst nicht klein

Die verbreitete Vorstellung, freihändig werde nur der Kleinkram vergeben, hält der Auszählung nicht stand. Gegenübergestellt sind hier alle publizierten Summen des gesamten erfassten Zeitraums:

freihändige VergabeZuschlag aus Verfahren
ausgewertete Summen5'50216'191
MedianCHF 498'630CHF 648'546
oberstes Zehntel abCHF 4'499'899CHF 4'165'936

Der Median liegt tiefer — erwartbar. Das oberste Zehntel der freihändigen Vergaben beginnt aber höher als jenes der ausgeschriebenen Aufträge. Wo freihändig vergeben wird, geht es also nicht bloss um Kleinaufträge unterhalb der Schwellen, sondern regelmässig auch um sehr grosse Beschaffungen.

Die grösste publizierte Einzelsumme in dieser Meldungsart: CHF 2,24 Milliarden, vergeben von der SBB für die Bahnsteuerung — am selben Tag zusammen mit CHF 1,81 Mrd. und CHF 1,44 Mrd. an zwei weitere Anbieterinnen.

Die Verteilung der Grössen

Freihändige Vergaben mit publizierter Summe, Publikationen 2026.
AuftragssummeVergabenAnteil
unter 100'000 CHF19511,4 %
100'000 – 500'000 CHF72142,0 %
500'000 – 1 Mio. CHF34920,3 %
1 – 5 Mio. CHF35020,4 %
über 5 Mio. CHF1036,0 %

Und nach Art des Auftrags: 807 Dienstleistungen, 556 Bauaufträge, 423 Lieferungen. Dienstleistungen überwiegen deutlich — anders als bei den Ausschreibungen, wo der Bau dominiert. Das passt zum Muster: Wer eine Planerin, eine Gutachterin oder eine Spezialistin bereits kennt, vergibt eher direkt.

Wer freihändig vergibt

Auftraggeberfreihändige Vergaben 2026
Service immobilier et patrimoine115
Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt61
Etablissement d'Assurance contre l'incendie (ECA)31
SBB, Division Produktion Personenverkehr27
Bundesamt für Bauten und Logistik BBL25
Zentrale Beschaffungsstelle Kanton Basel-Landschaft24

Auffällig ist, wie stark sich die Liste auf wenige Stellen konzentriert: Sechs Auftraggeber stehen für 283 der 1'804 Vergaben. Wer in deren Feld tätig ist, hat einen konkreten Namen, bei dem sich Bekanntheit auszahlt.

Was man damit anfängt

Freihändige Vergaben sind für ein Angebot immer zu spät — und trotzdem die nützlichste Meldungsart, die Simap führt. Sie beantworten drei Fragen, die keine Ausschreibung beantwortet:

  1. Wer arbeitet mit wem? Die Publikation nennt Auftraggeber und Anbieterin. Über ein Jahr gelesen, ergibt das eine Lieferantenlandschaft Ihres Marktes.
  2. Was wird überhaupt beschafft? Leistungen, die freihändig vergeben werden, erscheinen nie in einer Ausschreibungsliste. Ohne diese Meldungen sieht man ein Fünftel des Marktes gar nicht.
  3. Wo lohnt sich Akquise? Eine Vergabestelle, die wiederholt freihändig vergibt, entscheidet nach Bekanntheit und Erfahrung — dort wirkt ein Gespräch mehr als ein Angebot.
Datengrundlage

Ausgezählt aus dem Bestand, den Tenderis seit dem 1. Juli 2024 von simap.ch erfasst; Stand 21. September 2026. Die Jahreszahlen betreffen Publikationen mit Datum 2026, die Median- und Dezilwerte den gesamten erfassten Zeitraum, weil sonst die Fallzahl zu klein wird. Ausgewertet sind nur Vergaben mit publizierter Summe grösser null — nicht jede Publikation nennt eine. Die Kantonszuordnung folgt der Adresse der ausschreibenden Stelle, nicht dem Ort der Leistung.

Keine Rechtsauskunft

Unter welchen Voraussetzungen freihändig vergeben werden darf, regeln das anwendbare Beschaffungsrecht und die Schwellenwerte; dieser Text beschreibt ausschliesslich, was publiziert wurde. Aus einer hohen Auftragssumme folgt nicht, dass die Vergabe unzulässig war — für zahlreiche Fälle sieht das Recht die freihändige Vergabe ausdrücklich vor.

Häufige Fragen

Wie viele Aufträge werden in der Schweiz freihändig vergeben?

2026 sind 1'804 freihändige Vergaben auf simap.ch erschienen, gegenüber 6'905 Zuschlägen aus Verfahren — 20,7 Prozent aller publizierten Vergaben.

Sind freihändige Vergaben nur kleine Aufträge?

Nein. Der Median liegt bei CHF 498'630 gegenüber CHF 648'546 bei ausgeschriebenen Aufträgen, aber das oberste Zehntel beginnt bei freihändigen Vergaben höher (CHF 4,50 Mio. gegenüber CHF 4,17 Mio.). Die grösste publizierte Einzelsumme beträgt CHF 2,24 Milliarden.

In welchem Kanton wird am meisten freihändig vergeben?

Von den sechs ausgewerteten Kantonen in Bern: 29,0 Prozent aller vergebenen Aufträge, gegenüber 7,2 Prozent in Luzern. Ein Teil des Unterschieds erklärt sich durch die Bundesverwaltung mit Sitz in Bern.

Kann ich mich auf eine freihändige Vergabe bewerben?

Nein, die Publikation erfolgt erst nach der Vergabe. Nützlich sind diese Meldungen trotzdem: Sie zeigen, welche Stelle mit wem arbeitet und welche Leistungen in einem Markt überhaupt beschafft werden.

Auch die Vergaben im Blick behalten

Tenderis erfasst Zuschläge und freihändige Vergaben zusammen mit den Ausschreibungen — dieselbe Suche, dasselbe Firmenprofil.