Jeder fünfte Auftrag geht ohne Wettbewerb weg
2026 sind auf simap.ch 1'804 freihändige Vergaben erschienen, gegenüber 6'905 publizierten Zuschlägen aus Verfahren. Von allen 8'709 vergebenen Aufträgen wurden damit 20,7 % ohne Wettbewerb vergeben.
Für einen Anbieter ist das die unangenehmste Zahl des Schweizer Beschaffungswesens: Ein Fünftel des Marktes ist über die Ausschreibungsliste nicht erreichbar. Man kann sich auf diese Aufträge nicht bewerben — man kann nur dafür sorgen, vorher bekannt zu sein.
Der Anteil ist je Kanton völlig verschieden
Der Schweizer Durchschnitt verdeckt erhebliche Unterschiede. Gemessen an allen vergebenen Aufträgen des Jahres 2026:
| Kanton | freihändig | aus Verfahren | Anteil freihändig |
|---|---|---|---|
| Bern | 356 | 873 | 29,0 % |
| Aargau | 100 | 414 | 19,5 % |
| St. Gallen | 64 | 295 | 17,8 % |
| Zürich | 284 | 1'572 | 15,3 % |
| Graubünden | 47 | 353 | 11,8 % |
| Luzern | 20 | 256 | 7,2 % |
Zwischen Bern und Luzern liegt der Faktor vier. Ein Teil davon ist Struktur — in Bern sitzt die Bundesverwaltung, und deren Beschaffung folgt eigenen Regeln und eigenen Rahmenverträgen. Ein Teil ist Praxis.
Freihändig heisst nicht klein
Die verbreitete Vorstellung, freihändig werde nur der Kleinkram vergeben, hält der Auszählung nicht stand. Gegenübergestellt sind hier alle publizierten Summen des gesamten erfassten Zeitraums:
| freihändige Vergabe | Zuschlag aus Verfahren | |
|---|---|---|
| ausgewertete Summen | 5'502 | 16'191 |
| Median | CHF 498'630 | CHF 648'546 |
| oberstes Zehntel ab | CHF 4'499'899 | CHF 4'165'936 |
Der Median liegt tiefer — erwartbar. Das oberste Zehntel der freihändigen Vergaben beginnt aber höher als jenes der ausgeschriebenen Aufträge. Wo freihändig vergeben wird, geht es also nicht bloss um Kleinaufträge unterhalb der Schwellen, sondern regelmässig auch um sehr grosse Beschaffungen.
Die grösste publizierte Einzelsumme in dieser Meldungsart: CHF 2,24 Milliarden, vergeben von der SBB für die Bahnsteuerung — am selben Tag zusammen mit CHF 1,81 Mrd. und CHF 1,44 Mrd. an zwei weitere Anbieterinnen.
Die Verteilung der Grössen
| Auftragssumme | Vergaben | Anteil |
|---|---|---|
| unter 100'000 CHF | 195 | 11,4 % |
| 100'000 – 500'000 CHF | 721 | 42,0 % |
| 500'000 – 1 Mio. CHF | 349 | 20,3 % |
| 1 – 5 Mio. CHF | 350 | 20,4 % |
| über 5 Mio. CHF | 103 | 6,0 % |
Und nach Art des Auftrags: 807 Dienstleistungen, 556 Bauaufträge, 423 Lieferungen. Dienstleistungen überwiegen deutlich — anders als bei den Ausschreibungen, wo der Bau dominiert. Das passt zum Muster: Wer eine Planerin, eine Gutachterin oder eine Spezialistin bereits kennt, vergibt eher direkt.
Wer freihändig vergibt
| Auftraggeber | freihändige Vergaben 2026 |
|---|---|
| Service immobilier et patrimoine | 115 |
| Bau- und Verkehrsdepartement des Kantons Basel-Stadt | 61 |
| Etablissement d'Assurance contre l'incendie (ECA) | 31 |
| SBB, Division Produktion Personenverkehr | 27 |
| Bundesamt für Bauten und Logistik BBL | 25 |
| Zentrale Beschaffungsstelle Kanton Basel-Landschaft | 24 |
Auffällig ist, wie stark sich die Liste auf wenige Stellen konzentriert: Sechs Auftraggeber stehen für 283 der 1'804 Vergaben. Wer in deren Feld tätig ist, hat einen konkreten Namen, bei dem sich Bekanntheit auszahlt.
Was man damit anfängt
Freihändige Vergaben sind für ein Angebot immer zu spät — und trotzdem die nützlichste Meldungsart, die Simap führt. Sie beantworten drei Fragen, die keine Ausschreibung beantwortet:
- Wer arbeitet mit wem? Die Publikation nennt Auftraggeber und Anbieterin. Über ein Jahr gelesen, ergibt das eine Lieferantenlandschaft Ihres Marktes.
- Was wird überhaupt beschafft? Leistungen, die freihändig vergeben werden, erscheinen nie in einer Ausschreibungsliste. Ohne diese Meldungen sieht man ein Fünftel des Marktes gar nicht.
- Wo lohnt sich Akquise? Eine Vergabestelle, die wiederholt freihändig vergibt, entscheidet nach Bekanntheit und Erfahrung — dort wirkt ein Gespräch mehr als ein Angebot.
Ausgezählt aus dem Bestand, den Tenderis seit dem 1. Juli 2024 von simap.ch erfasst; Stand 21. September 2026. Die Jahreszahlen betreffen Publikationen mit Datum 2026, die Median- und Dezilwerte den gesamten erfassten Zeitraum, weil sonst die Fallzahl zu klein wird. Ausgewertet sind nur Vergaben mit publizierter Summe grösser null — nicht jede Publikation nennt eine. Die Kantonszuordnung folgt der Adresse der ausschreibenden Stelle, nicht dem Ort der Leistung.
Unter welchen Voraussetzungen freihändig vergeben werden darf, regeln das anwendbare Beschaffungsrecht und die Schwellenwerte; dieser Text beschreibt ausschliesslich, was publiziert wurde. Aus einer hohen Auftragssumme folgt nicht, dass die Vergabe unzulässig war — für zahlreiche Fälle sieht das Recht die freihändige Vergabe ausdrücklich vor.