Die kurze Antwort
Die drei Gruppen beantworten drei verschiedene Fragen, und sie haben unterschiedliche Folgen, wenn man sie verfehlt:
| Gruppe | Frage | Folge bei Nichterfüllung |
|---|---|---|
| Teilnahmebedingungen | Darf dieses Unternehmen überhaupt mitbieten? | Ausschluss, meist ohne inhaltliche Prüfung |
| Eignungskriterien | Kann dieses Unternehmen den Auftrag ausführen? | Ausschluss, wenn es ein Muss-Kriterium ist |
| Zuschlagskriterien | Welches Angebot ist das beste? | Punkteverlust — hier wird verglichen |
Die Reihenfolge ist keine Formalie, sondern der Ablauf: Zuerst wird geprüft, wer teilnehmen darf, dann wer geeignet ist, und erst unter den Geeigneten wird verglichen. Ein hervorragendes Angebot eines Anbieters, der ein Eignungskriterium verfehlt, kommt nie zum Vergleich.
Teilnahmebedingungen — die unauffälligste Falle
Teilnahmebedingungen betreffen den formalen Status: Zahlung der Sozialversicherungsbeiträge, Einhaltung der Arbeitsschutzbestimmungen und der Lohngleichheit, keine laufenden Zwangsvollstreckungen, Erklärungen zu Sanktionsregelungen.
Bei Schweizer Ausschreibungen stehen sie häufig nicht im Pflichtenheft, sondern in einem eigenen Kapitel der Publikation. Wer nur die heruntergeladenen Dokumente liest, hat sie deshalb schlicht nicht gelesen. Das ist einer der Gründe, warum sie so zuverlässig übersehen werden.
Eignungskriterien — die teure Hürde
Eignungskriterien fragen nach dem Unternehmen, nicht nach dem Angebot. Typisch sind vier Familien:
- Referenzen. Meist zwei bis drei vergleichbare Projekte, oft mit Mindestvolumen und einem Zeitfenster („in den letzten fünf Jahren abgeschlossen").
- Personelle Kapazität. Schlüsselpersonen mit Ausbildung, Berufserfahrung und zugesicherter Verfügbarkeit.
- Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Umsatz, Versicherungsdeckung, Bonität.
- Systeme und Zertifikate. Qualitätsmanagement, Informationssicherheit, branchenspezifische Nachweise.
Der entscheidende Punkt: Diese Kriterien lassen sich prüfen, bevor man mit dem Angebot anfängt. Sie hängen an Ihrem Unternehmen, nicht an Ihrer Lösung. Genau deshalb ist es so ärgerlich, daran zu scheitern — die Information lag von Anfang an vor.
Zuschlagskriterien — hier wird gewonnen
Zuschlagskriterien bewerten das Angebot: Preis, Qualität, Vorgehen, Qualifikation der konkret vorgesehenen Personen, manchmal Nachhaltigkeit oder Lehrlingsausbildung. Sie sind gewichtet und haben oft Unterkriterien mit eigener Gewichtung.
Aus der Gewichtung lässt sich ablesen, wo sich Aufwand lohnt — dazu gibt es einen eigenen Text: Zuschlagskriterien und ihre Gewichtung richtig lesen.
Wie oft die Eignung tatsächlich zum Ausschluss führt
Dass ein Eignungskriterium „zum Ausschluss führt", klingt nach einer theoretischen Warnung. Die Publikationen selbst sagen etwas anderes. 475 Schweizer Verfahren wurden 2026 abgebrochen oder widerrufen, und der häufigste inhaltliche Grund, den die Vergabestellen dabei angeben, lautet: kein Angebot erfüllte die Anforderungen — 93 Fälle. Knapp dahinter folgt „die Angebote erlauben keine wirtschaftliche Beschaffung" (75 Fälle).
Das sind Verfahren, bei denen alle Anbieterinnen an der Hürde gescheitert sind. Wie viele einzelne Angebote an der Eignung scheitern, steht nirgends — es wird nicht publiziert. Die 93 Fälle sind also die sichtbare Spitze, nicht das Ausmass.
Wo die Kriterien stehen — und warum das ein Problem ist
Eignungskriterien stehen entweder in der Publikation selbst oder in den Ausschreibungsunterlagen. Simap führt dafür ein eigenes Kennzeichen. Verlassen kann man sich darauf nicht: In rund 8 Prozent der Fälle steht das Kennzeichen auf „in den Unterlagen", während die Kriterien direkt daneben in der Publikation ausformuliert sind. Wir prüfen deshalb zuerst den Inhalt und erst danach das Kennzeichen — die umgekehrte Reihenfolge übersieht jedes zwölfte Kriterienverzeichnis.
Für die eigene Arbeit heisst das: Beide Orte ansehen. Die Publikation ist strukturiert und schnell gelesen, die Unterlagen sind vollständig. Wer nur eines von beidem liest, liest bei jeder zwölften Ausschreibung das Falsche.
Das selektive Verfahren verschiebt die Prüfung nach vorn
116 der 5'235 Ausschreibungen des Jahres 2026 (2,2 %) sind selektive Verfahren, die übrigen 5'119 offene. Der Unterschied ist für die Eignung entscheidend: Im selektiven Verfahren wird sie in einer eigenen, vorgelagerten Stufe geprüft. Wer dort nicht durchkommt, bekommt die Ausschreibungsunterlagen gar nicht erst.
Der Anteil ist klein, die Folge nicht: Bei einem selektiven Verfahren ist die Teilnahmefrist die eigentliche Frist, und die Nachweise müssen bereits dann vollständig vorliegen — nicht Wochen später zur Angebotsabgabe.
Die Zahlen stammen aus dem Bestand, den Tenderis seit dem 1. Juli 2024 von simap.ch erfasst; Stand 21. September 2026. Grundgesamtheit sind die 5'235 Schweizer Ausschreibungen mit Publikationsdatum 2026 sowie die 475 im selben Zeitraum abgebrochenen oder widerrufenen Verfahren. Die 8 Prozent zum Kennzeichen beruhen auf unserer eigenen Auswertung der Simap-Kriterienblöcke.
Was das für die Vorbereitung heisst
- Zuerst die Teilnahmebedingungen suchen — auch ausserhalb der Unterlagen.
- Dann die Eignungskriterien Zeile für Zeile gegen die eigenen Unterlagen halten. Ein einziges verfehltes Muss-Kriterium beendet die Prüfung.
- Erst danach das Angebot planen, und dabei die Gewichtung der Zuschlagskriterien als Aufwandsplan lesen.
Genau in dieser Reihenfolge arbeitet auch die Analyse in Tenderis: Sie führt die vier Kategorien getrennt, nennt zu jedem Kriterium die Fundstelle und hebt hervor, welche davon zum Ausschluss führen können.