Warum die Frage zählt
Wer eine Ausschreibung bewertet, ohne alle Unterlagen zu haben, bewertet einen Ausschnitt — und merkt es unter Umständen erst, wenn die Frist zu kurz ist, um noch zu reagieren. Für ein Werkzeug, das Eignung beurteilt, ist es sogar die erste Frage überhaupt: Ein Ergebnis aus der halben Grundlage sieht genauso fertig aus wie eines aus der ganzen.
Die Zahlen — jetzt als Vollerhebung
Die erste Fassung dieses Beitrags beruhte auf einer Stichprobe von 796 Meldungen. Inzwischen lässt sich die Frage vollständig beantworten: alle 5'235 Schweizer Ausschreibungen mit Publikationsdatum 2026. Die Anteile haben sich gegenüber der Stichprobe kaum bewegt — was für die Stichprobe spricht und gegen die Hoffnung, es handle sich um Einzelfälle.
| Bezugsquelle laut Publikation | Anzahl | Anteil | davon mit Dateien bei Simap |
|---|---|---|---|
| bei Simap | 4'697 | 89,7 % | 4'483 |
| Drittplattform, Adresse angegeben | 261 | 5,0 % | 43 |
| auf Anfrage per E-Mail | 270 | 5,2 % | 34 |
| schriftlich anzufordern | 7 | 0,1 % | 3 |
Rund jede zehnte Ausschreibung (10,3 %) liefert die Unterlagen nicht dort, wo man sie sucht. Das ist die Zahl, auf die es ankommt — nicht weil der Anteil gross wäre, sondern weil man den Fall nicht erkennt, solange man nicht ausdrücklich hinsieht.
Zwei Fälle, die man erst beim Rechnen merkt
„Bei Simap" heisst nicht immer, dass etwas da ist. In 214 der 4'697 Fälle deklariert die Publikation Simap als Bezugsquelle, führt dort aber keine einzige Datei. Die Gründe reichen von „wird nachgereicht" bis zu einer Unterlage, die nur im Fliesstext steht. Wer in diesen Fällen auf den Download wartet, wartet auf nichts.
Umgekehrt liegen auch bei Drittplattform-Fällen oft Dateien bei Simap — in 43 der 261 Fälle. Das ist die gefährlichere Richtung: Es sieht nach vollständigen Unterlagen aus. Nachgeprüft haben wir das an einem Fall mit elf Dateien — sie lagen beidseits und waren identisch. Bei anderen war es ein Ausdruck der Publikation selbst. Aus „hier ist etwas" folgt nicht „hier ist alles", und diese Unterscheidung trifft kein Mensch, der eine Dateiliste sieht.
Von den 261 Drittplattform-Fällen deklariert Simap bei 135 ausdrücklich, dass die Abgabe über ein fremdes Portal läuft. Bei den übrigen steht nur die Adresse — ob dort auch eingereicht wird, steht dann im Fliesstext oder in den Unterlagen selbst.
Was hinter „Drittplattform" steckt
Über den gesamten Schweizer Bestand verweisen die Publikationen auf mehr als hundert verschiedene Adressen. Sie zerfallen in fünf sehr unterschiedliche Gruppen:
- Beschaffungssuiten. Eingekaufte Systeme, die mehrere Vergabestellen nutzen. Einige davon treten je Auftraggeber unter einer eigenen Unteradresse auf — an der Adresse allein ist der Anbieter deshalb nicht immer zu erkennen.
- Konzernportale. Grosse Auftraggeber mit eigenem Lieferantenportal und eigener Registrierung, teils mit vorgeschaltetem Onboarding.
- Ausländische und internationale Vergabeportale. Organisationen mit Sitz in der Schweiz publizieren zwar auf Simap, wickeln aber über ihr eigenes Portal ab.
- Gemeinde- und Kantonswebsites. Der lange Schwanz: kein Portal, sondern eine Unterseite mit Downloadlinks oder einer Kontaktadresse. Rund die Hälfte der Adressen.
- Formularwerkzeuge. Auch ein Online-Formular kommt als „Plattform" vor.
Für die Praxis heisst das: Eine Liste bekannter Plattformen hilft nur begrenzt. Verlässlich ist allein die Angabe in der Publikation selbst.
Der Zeitverlust ist das eigentliche Risiko
Bei einer Drittplattform brauchen Sie eine Registrierung, manchmal eine Freischaltung durch die Vergabestelle. Bei einer Anforderung per E-Mail hängt es davon ab, wie schnell jemand antwortet. Beides kostet Tage — und die Fragefrist läuft unterdessen weiter. Sie ist meist der erste Termin, der abläuft, lange vor der Eingabefrist.
Praktische Konsequenz: Beim ersten Blick in eine Ausschreibung nicht nur die Eingabefrist notieren, sondern zuerst prüfen, ob und wie die Unterlagen beschaffbar sind.
Wie wir das gezählt haben
Grundlage sind die strukturierten Angaben der Simap-Publikationen aus unserem Ausschreibungsbestand — alle 5'235 Meldungen der Art „Ausschreibung" mit Publikationsdatum im Jahr 2026, ausgezählt am 21. September 2026. Ausgewertet wurde das deklarierte Feld zur Bezugsquelle, nicht der Fliesstext. Ob Dateien vorliegen, ist aus derselben Publikation übernommen und sagt nichts über deren Vollständigkeit.
Die erste Fassung vom 19. August 2026 beruhte auf einer Stichprobe von 796 Meldungen (90,5 % Simap, 6,0 % Drittplattform, 3,4 % E-Mail). Die Vollerhebung bestätigt sie im Rahmen der Streuung. Kostenpflichtige Unterlagen kamen auch jetzt nicht vor. Es bleibt eine Momentaufnahme: Anteile verschieben sich über die Zeit, und einzelne Vergabestellen prägen sie stärker, als die Zahl vermuten lässt.